Gebückt auf allen Vieren, 7 Tage Woche, bis zu 15 Stunden am Tag, ernten sie unser Gemüse für einen sehr niedrigen Stundenlohn, der nirgendwo in Österreich 7 Euro netto überschreitet und überdies selten voll ausbezahlt wird. ErntehelferInnen kommen von weit her – aus Rumänien, der Ukraine, aus Serbien, Bosnien, Polen, Bulgarien – um eine belastende Arbeit zu verrichten. Sie ernten bei jedem Wetter und nehmen dabei harte Arbeitsbedingungen in Kauf, denn in Österreich haben sie das was zu Hause nicht zu finden ist – Arbeit.

Massive Überstundenleistung ohne Abgeltung, Unteranmeldung – Teilzeit anstatt Vollzeit – oder gar keine Anmeldung, Nichtabgeltung von Zulagen für Nacht- und Sonntagsarbeit, keine Sonderzahlungen für Urlaub und Weihnachten, Überschreitung gesetzlicher Höchstarbeitszeiten, Unterbringung in unzulänglichen Quartieren und mitunter auch Zwangssituationen, die den Verdacht auf Menschenhandel nahelegen. Kündigung im Krankenstand, bei Bekanntwerden einer Schwangerschaft oder bei einem Unfall, keine ausgehändigten Arbeitspapiere oder gefälschte Arbeitszeitaufzeichnungen, Entlohnung unter Kollektivvertrag, unterschriebene Verzichtserklärungen, die die ErntehelferInnen unter Druck bzw. aus Angst um den Job unterzeichneten. Lohnabzüge für Kost und Logis, die die gesetzlichen Regelungen überschreiten, inadäquate Unterkünfte, Lohnabzüge für das Arbeitswerkzeug, das kostenlos zur Verfügung gestellt werden müsste. Lohnabzüge für Gummiringe mit denen Jungzwiebeln und Radieschen zusammengebunden werden.

Diese Missstände betreffen ErntehelferInnen österreichweit und sind leider nicht die Ausnahme, vielmehr die Regel. Sie verrichten eine Arbeit, die ÖsterreicherInnen schon lange nicht mehr machen und bleiben dabei völlig unsichtbar.

ErntehelferInnen haben, mit 300-400 Arbeitsstunden im Monat, keine Zeit um sich in der österreichischen Gesellschaft einzubringen. Die Sprachbarriere stellt zudem ein großes Problem dar – sie unterschreiben Verträge, die sie zumeist nicht verstehen und wissen nicht was ihnen zusteht.

Es sind ProduzentInnen aus Rumänien, die seit der Öffnung des Markts mit den billigeren europäischen Lebensmitteln nicht mehr konkurrieren können, die ihre Grundstücke verkauft haben, um in Österreich die Lebensmittel zu ernten, die ihre Existenzgrundlage zu Hause zerstört haben. Es sindMenschen, die sechs Monate im Jahr auf ihre Kinder verzichten müssen, um sie ernähren zu können, ohne dabei Anspruch auf Kindergeld,Pension o.a. zu haben. Anders als HandelsvertreterInnen und Landwirte uns gerne glauben machen, handelt es sich keineswegs um idyllische Arbeitsverhältnisse. Vielmehr sind die Menschen zu solcher Arbeit aus Angst um ihre Existenz gezwungen.

Migrantische ErntehelferInnen leben und arbeiten in Österreich unter menschenunwürdigen Bedingungen. Es handelt sich dabei um eine Ausbeutung mit System. Bauern und Bäuerinnen sind stark von den AbnehmerInnen im Handel anhängig. Der Handel drückt die Preise nach unten, folglich haben die ProduzentInnen, welche die Produktionskosten senken können, die Nase vorne. Im landwirtschaftlichen Sektor spielen die Lohnkosten eine entscheidende Rolle, da die Erntearbeit großteils händisch erfolgt. Ohne „billige“ ausländische ArbeiterInnen, die während der Erntezeitangestellt werden, können viele Bauern und Bäuerinnen mit diesem Wettlauf nach unten nicht mithalten. So bleiben die Arbeitsrechte der ErntehelferInnen auf der Strecke.

Während Kleinbauern und -bäuerinnen eingehen, machen industrielle Landwirte und Handelsketten große Gewinnspannen. KonsumentInnen geben so wenig Geld wie möglich für Lebensmittel aus und wenn, dann für biologische und regionale Produkte. ErntehelferInnen sind somit die VerliererInnen in der Kette der Lebensmittelproduktion.

Sónia Melo,
Journalistin und Aktivistin der Sezenieri Kampagne für die Rechte von ErntehelferInnen in Österreich

ACHTUNG: Der Artikel ist bereits vor 2 Jahren in unserer KJÖ-Verbandszeitung vorneweg. Zeitung für Veränderung erschienen,
manche Gegebenheiten können sich seither verändert haben.