Brennende Barrikaden vor den Toren der Lycées (Oberstufe), Tränengasschwaden auf den Boulevards von Paris, Marseille und Lyon und eine Staatsmacht, die mit historischer Härte gegen Minderjährige durchgreift: Was im September 2026 im Pariser Vorort Créteil als lokaler Protest gegen unhaltbare Schulinfrastruktur begann, hat sich zu einer landesweiten gesellschaftlichen Eruption ausgeweitet. Unter der Parole „Mai 68 - Oktober 26“ erleben die französischen Schulen eine Welle der Militanz, die längst über schulpolitische Einzelforderungen hinausreicht.

Bildungsnotstand und militarisierter Neoliberalismus

Der Ausbruch der Jugendproteste ist kein spontanes Phänomen, sondern das Resultat einer jahrelangen Aushöhlung der öffentlichen Infrastruktur im Dienste einer neokonservativen und neoliberalen Konsolidierungspolitik. An hunderten französischen Gymnasien gehören unhaltbare hygienische Zustände - Schädlingsbefall, undichte Dächer sowie ein völliges Fehlen von Klimatisierung oder funktionsfähigen Heizungen - zum Schulalltag. Schüler:innen lernen bei Sommertemperaturen von bis zu 40 Grad in überfüllten Räumen mit bis zu 36 Jugendlichen.

Während der Entwurf der Regierung Lecornu (Renaissance; Anm.: französische Schwesterpartei der NEOS) für den Haushalt 2027 eine erneute Streichung von 1.588 Lehrer:innenstellen vorsieht - trotz massivem Unterrichtsausfall und akuten Mangelerscheinungen im System -, wachsen die Budgets für Aufrüstung, Polizei und Militär im zweistelligen Prozentbereich. Besonders in den sozial benachteiligten Vororten wird die Schule nicht mehr als Ort sozialer Aufstiegschancen wahrgenommen, sondern als Repressionsapparat, der Disziplinierung und Selektion durchsetzt, während die öffentliche Daseinsvorsorge strukturell abgezogen wird.

Streik, Repression und Klassensolidarität

Mit geschätzten 1.800 blockierten oder behördlich geschlossenen Gymnasien greift die Bewegung auf Hochschulen wie die Beaux-Arts in Paris sowie Universitäten in Straßburg und Lyon über. Die Streikenden beschränken sich jedoch nicht auf symbolische Aktionen, sondern nutzen gezielt Wirtschafts- und Infrastrukturblockaden. Die Stärke der Bewegung liegt in der raschen Überwindung der Grenzen zwischen Schüler- und Arbeiterschaft.

Die Schülergewerkschaft Union Syndicale Lycéenne (USL) arbeitet eng mit der gewerkschaftlichen Hochburg CGT zusammen. Erfahrene gewerkschaftliche Ordner:innen-Blöcke formieren sich vor den Schulstreiks, um Minderjährige vor den Übergriffen der Sondereinheiten der Polizei zu schützen. Unter der Bezeichnung „Parents solidaires“ (Deutsch: „solidarische Eltern“) bilden Eltern und Lehrkräfte Menschenketten vor den Blockaden, um Festnahmen zu erschweren.

Nach der Eskalation in Lens am 5. Oktober 2026, bei der ein 15-jähriger Schüler durch eine Polizeigranate seine Hand verlor, schlug die Wut in breiten Bevölkerungsschichten vollends um. Die Bewegung versteht sich nun endgültig nicht mehr als Bittsteller gegenüber dem Staat, sondern als Widerstand gegen eine autoritäre Staatsmacht.

Warum brennt Österreich noch nicht?

Blickt man auf die Situation in Österreich, zeigt sich auf den ersten Blick eine beachtliche Stille. Weder brennen Mülltonnen vor Wiener Gymnasien, noch stehen Universitäten in Graz oder Innsbruck unter Dauerblockade. Diese scheinbare Ruhe ist jedoch nicht das Ergebnis einer zufriedenen Jugend, sondern das Produkt spezifischer historischer und institutioneller Kontrollmechanismen. In Österreich existiert eine Jahrzehnte alte Tradition der Konfliktvermeidung. Die Sozialpartnerschaft hat ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in dem offener Klassenkampf als „unvernünftig“ oder „extremistisches Störfeuer“ gebrandmarkt wird. Systemische Mängel im Bildungssystem werden in zahllosen Arbeitsgruppen und Reformkommissionen zerredet, bis die Wut der Betroffenen verpufft ist.

Während in Frankreich unabhängige Basisgewerkschaften wie die USL den Ton angeben, sind die offiziellen Vertretungsorgane in Österreich (wie die Bundesschüler:innenvertretung oder Teile der ÖH) tief in das staatliche Verwaltungssystem eingebunden. Sie fungieren oft als Dämpfungsbecken, die den Unmut der Jugend auffangen und in ungefährliche, bürokratische Bahnen lenken. In Frankreich ist der Streik ein demokratisches Grundrecht und ein im kollektiven Gedächtnis verankertes Werkzeug. In Österreich hingegen wird ein Schulstreik rasch als Verstoß gegen die Schulpflicht kritisiert und mit disziplinären Drohungen unterdrückt. Die Angst vor Konsequenzen überwiegt oft noch das Bewusstsein für die eigene kollektive Macht.

Solidarität und politische Standortbestimmung

Als Kommunistische Jugend Österreichs erklären wir unsere uneingeschränkte, politische und klassenbewusste Solidarität mit den kämpfenden Schüler:innen, Studierenden und Arbeiter:innen in Frankreich. Auch wenn in Österreich aktuell keine Straßenaktionen dieses Ausmaßes stattfinden, verfällt unsere Solidarität nicht in Lippenbekenntnisse - sie ist Ausdruck einer gemeinsamen Klassensituation. Der Kampf der französischen Jugend gegen den Verfall des Bildungssystems, gegen Polizeigewalt und gegen eine Politik, die Kanonen vor Schulen priorisiert, ist auch unser Kampf. Die Angriffe des französischen Kapitals und Staates auf die arbeitende Jugend sind Teil einer europaweiten Tendenz (siehe bspw. auch Schulstreiks in Deutschland): Mangelverwaltung im Bildungs- und Gesundheitssystem bei gleichzeitiger Aufrüstung und Militarisierung. Die Genoss:innen in Frankreich zeigen, dass man dieser Entwicklung nicht mit Demut begegnen muss, sondern ihr organisierte Kampfkraft entgegensetzen kann.

Von Frankreich lernen, heißt kämpfen lernen

Die französische Bewegung beweist, dass konkrete, alltägliche Mängel - wie kaputte Heizungen, Lehrermangel oder Ungezieferbefall - das Potenzial haben, ein gesamtes politisches System infrage zu stellen, wenn sie politisch richtig eingeordnet werden. Die Schüler:innen fordern nicht nur neue Fenster oder mehr Lehrkräfte; sie verbinden den Verfall ihrer Schulen direkt mit den Milliardenbudgets für Aufrüstung und Militär. Die Lehre für uns: Lokale Missstände an Schulen und Lehrbetrieben dürfen nie isoliert betrachtet werden. Aufgabe einer kommunistischen Jugend ist es, den Zusammenhang zwischen dem konkreten Mangel im Alltag der Jugend und der Logik des Kapitalismus verständlich aufzuzeigen.

Ein zentraler Grund für die Durchschlagskraft der französischen Schüler:innenbewegung ist die Verschmelzung mit den organisierten Arbeiter:innen. Die Schülergewerkschaft USL blieb nicht im eigenen Saft stecken, sondern suchte den Schulterschluss mit den Gewerkschafts-Kampfverbänden der CGT. Dass Bauarbeiter:innen, Busfahrer:innen und Lehrkräfte gemeinsam mit Jugendlichen auf der Straße stehen und physischen Schutz gegen Polizeigewalt bieten, verleiht dem Protest eine völlig andere Dimension. Die Lehre für uns: Eine reine Jugend- oder Schüler:innenbewegung stößt schnell an ihre Grenzen. Dauerhafte Durchsetzungsfähigkeit entsteht erst dann, wenn die Jugend ihren Kampf als Teil der breiteren Arbeiterbewegung versteht und den Schulterschluss mit den arbeitenden Klassen sucht.

Die Reaktion der französischen Regierung - über 6.000 Festnahmen von überwiegend Minderjährigen, der Einsatz von schweren Granaten und Tränengas mitten in Wohngebieten - entlarvt den bürgerlichen Staat, als das, was er ist: Ein Instrument zur Aufrechterhaltung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse. Wenn das Kapital seine Interessen bedroht sieht, fällt die Fassade der „bürgerlichen Demokratie“, und es regiert die bloße Staatsgewalt. Die Lehre für uns: Die Illusion, dass der Staat ein neutraler Vermittler zwischen den Klassen sei, muss konsequent bekämpft werden. Wer soziale Rechte erringen will, darf sich nicht auf das Wohlwollen staatlicher Institutionen verlassen, sondern muss eigene organisierte Gegenmacht aufbauen.

Die Stärke der Bewegung speist sich aus der direkten Demokratie und Selbstorganisation an den Schulen und Universitäten: Vollversammlungen, Streikkomitees und Blockaden statt zahnloser Resolutionen an Ministerien. Das Beispiel zeigt: Rechte werden nicht durch Bittsteller-Politik in Ausschüssen gesichert, sondern auf der Straße und in den Betrieben erkämpft.

Die Aufgaben einer kommunistischen Jugendbewegung

Die Ereignisse im Frankreich des Oktobers 2026 sind für uns kein ferner Schulbuchtext, sondern ein Blick in die Zukunft der europäischen Klassenauseinandersetzungen. Die Krise des Kapitalismus macht auch vor den Toren Österreichs nicht halt. Auch hier werden die Budgets für Gesundheit, Bildung und Soziales kaputtgespart, während die Rüstungsausgaben neue Höchststände erreichen. Unsere Aufgabe als Kommunistische Jugend Österreichs ist klar definiert:

  • Den Schüler:innen in Österreich aufzeigen, dass der Verfall der Schulen und die Perspektivlosigkeit nach der Ausbildung kein persönliches Versagen sind, sondern System hat.
  • An den Schulen und Universitäten konsequente, von Parteibürokratien unabhängige, Basisstrukturen schaffen, die im Ernstfall streik- und handlungsfähig sind.
  • Den Kontakt zu den kämpfenden Organisationen in ganz Europa vertiefen, ihre Erfahrungen auswerten und den gemeinsamen Kampf gegen die Ausbeutung vorantreiben.

Die französische Jugend hat gezeigt: Wenn die Verhältnisse unerträglich werden, hilft kein Warten auf die nächste Wahl. Die Zukunft gehört denjenigen, die sich organisieren und für ihre Rechte kämpfen. In diesem Sinne steht die KJÖ Seite an Seite mit den Kämpfenden in Frankreich.

Der Jugend die Zukunft, die Zukunft dem Sozialismus!